Geschichte


Der Landrover aus Hamburg Harburg

In die Galerie der Tempo Fahrzeuge mit den geringsten Produktionszahlen kann sich der Land-Rover, welcher zwischen 1953 und 1959 in stark modifizierter Form in Bostelbek hergestellt wurde, bedenkenlos einreihen.

Der Bundesgrenzschutz benötigte für seine Tätigkeiten dringend 250 zuverlässige und geländegängige Fahrzeuge, welche für den Transport von bis zu 6 Personen geeignet sein sollten. Es wurde hierzu ein Test mit 7 Mercedes Unimog und 7 Land Rovern (Export Modell mit 80") durchgeführt. Dieser Test verlief zufriedenstellend, doch Rover-Solihull winkte dankend ab, weil die Kapazitäten des Werkes mit der Produktion für andere Märkte bereits restlos ausgelastet waren. Man musste sich seitens des BGS also nach einem anderen Fahrzeughersteller umsehen. Da die Tempo Werke einen ausgezeichneten Ruf als Kleinlastwagenhersteller genossen, und der sehr erfolgreiche Vorkriegsgeländewagen Tempo G 1200 noch nicht vergessen war, wurde der Radeland 52 in Bostelbek gegen Ende des Jahres 1952 die erste Adresse für die Beschaffungsstelle des Bundesgrenzschutzes.
Eine komplette Neukonstruktion hielt Vidal, auch wegen der knappen Zeitvorgaben des BGS, für viel zu aufwendig. Man konnte jedoch immer noch von den guten Kontakten nach England aus den Zeiten der Kohlegroßhandlung zehren, und wandte sich daher zu Anfang des Jahres 1953 direkt an die Land Rover Company in England, mit dem Vorschlag, das Fahrzeug in Deutschland als Lizenzbau zu montieren. Die Engländer stimmten zu, und damit wurde der Weg frei für die Kleinserie aus deutscher Produktion.

Von April 1953 bis August 1953 wurden 100 Fahrzeuge montiert (einige Quellen sprechen von bis zu 178 Fahrzeugen, genaue Daten sind leider nicht bekannt). Die Land Rover wurden als LHD Export Versionen bezogen, was die registrierten Fahrzeuge beweisen (siehe VIN). Somit kann man die Spekulationen um CKD Kits ad acta legen. Die Karosserie wurde außer der Motorhaube, der Spritzwand und des Frontgrills komplett in Harburg bei der Karosseriefabrik Herbert Vidal + Sohn gefertigt und weicht, da man die Ausschreibung des Bundesgrenzschutzes genau beachten musste, wesentlich vom englischen Vorbild ab. Die Unterschiede sind gewaltig. Die Karosserie wurde komplett aus Stahlblech gefertigt, wobei die Türunterteile und die Heckwanne die Höhe der Frontscheibenunterkante erreichten. Hinten gab es zwei Sitzbänke quer zur Fahrtrichtung für jeweils zwei Personen, vorne entfiel der Mittelsitz. Die vorderen Kotflügel erhielten von vorne zugängliche Staukästen, auf der Motorhaube wurde ein weiterer Staukasten angebracht. Das Reserverad wurde am Heck montiert. Geänderte Türgriffe, Einstiegsbügel am Heck, Kombirückleuchten und ein Klappverdeck vervollständigen die Liste der Modifikationen. Die meisten Tempo Land Rover erhielten zusätzlich eine Heizung, was zu dieser Zeit gar nicht selbstverständlich war. Ein Blaulicht, ein Funkgerät, einen Seilspill und zwei Signalhörner, welche unterhalb der Scheinwerfer angebracht waren, montierte man aufgrund der Vorgaben des Bundesgrenzschutzes ebenfalls direkt ab Werk. Für diese Zusatzgeräte wurde ein zweites Instrumentenbrett oberhalb des serienmäßigen Armaturenträgers montiert.
Neben den 100 (178) Fahrzeugen dieser ersten Serie für den Bundesgrenzschutz plante Vidal auch den Verkauf an Privatpersonen. Es wurde daher intensiv für den Land Rover geworben. Wieviele Fahrzeuge letztendlich privat verkauft wurden lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen.

Im Herbst 1953 fand ein Modellwechsel in England statt. Das Fahrgestell war mit 86" nun etwas länger. Vidal nutzte die Gelegenheit für zahlreiche Detailverbesserungen.
Das Reserverad wanderte, wie beim englischen Vorbild, auf die Motorhaube, der dortige Staukasten entfiel dadurch. Die Positionsleuchte rückte von den vorderen Staufachdeckeln auf die unteren Kotflügel, gepaart mit den nun neu eingeführten Blinkleuchten. Der Zusatzinstrumententräger wurde aufwendiger und war nun zwischen dem serienmäßigen Zentralarmaturenbrett und der Lenksäule montiert.
Von dieser zweiten Serie wurden noch einmal rund 150 Exemplare gebaut.

Bei ihrer Aufstellung übernahm 1956 die Bundeswehr ca. 10 000 voll ausgerüstete BGS-Beamte als Soldaten. Teil dieser Ausrüstung waren ca 100 der besten Tempo-Landrover, die nun zu den Streitkräften übergingen.

1959 wurde vergeblich versucht, Folgeaufträge vom BGS zu bekommen. Dies lassen die beiden Serie 2 Tempo-Landrover mit 88" Radstand vermuten. Basis war auch hier ein LHD Export-Modell (siehe auch "Modelle").

Nachdem sich Hanomag an den Tempo Werken beteiligte, wurde die Produktion aufgegeben, da sich der anfangs geplante Verkauf des Wagens auf dem zivilen Markt nicht realisieren ließ.

Ab Mitte der 60er Jahre wurden die BGS Tempos ausgemustert und über die VEBEG verkauft. Da die Fertigungskapazitäten in England inzwischen wesentlich erweitert worden waren, konnte die "BGS Serie IIA" direkt in Solihull gefertigt werden.
Der Tempo Land Rover blieb eine Sternschnuppe am Tempohorizont und zählt heute zu den seltensten Fahrzeugen aus der Produktion von Vidal und Sohn.
Stephan Bussang/Dirk Rüttgers
(Quellen: Roverblatt 9/10.96, "Mit Tempo durch die Zeit")